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Ein Donnerstag im Januar

  • Autorenbild: Aline
    Aline
  • 12. Jan. 2021
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Aug. 2022

Der Mond schien blass an diesem Abend. Seine Sichel erinnerte an ein Lächeln. Ein sanftes, warmes Lächeln. Ein wenig schief, zugegeben, aber echt. Zuversichtlich, irgendwie. So als wollte es sagen: Ja.

Ben konnte es noch immer nicht glauben. Sie hatte wirklich Ja gesagt. Jede mögliche Antwort hatte er sich ausgemalt. Sich stundenlang den Kopf darüber zerbrochen, ob sie ihn ignorieren oder auslachen oder ihm voller Mitleid erklären würde, dass er ja ein netter Kerl sei, aber ihr Herz nun mal einem anderen gehöre. Und überhaupt – wie käme er auf die Idee, dass zwischen ihnen beiden irgendetwas anderes als ein platonisches Konstrukt höflichen Austauschs existieren könnte? Und: Was konnte er ihr schon bieten? Er war nur ein heimatloser Junge, der im ersten Semester Maschinenbau studierte und in einem Bunker von Studentenwohnheim lebte. Kein Geld, keine Erfahrungen mit Frauen, keine Idee, wie so eine Verabredung abzulaufen hatte. Es war absurd. Vollkommen abwegig. Außerhalb des Möglichen. Und doch: hatte sie Ja gesagt. Sie hatte versprochen, ihn an diesem Abend zu treffen. Als er an diesem düsteren, eiskalten Januarabend völlig durchnässt am Bahnhof ankam, um auf sie zu warten, ahnte er nicht, wie tief sich diese Zahlen in die Geschichte, die sich sein Leben nannte, einbrennen würden. Und woher sollte er es auch wissen? Er verstand nichts von der Liebe, von Romantik oder Gefühlen. Nicht einmal davon, wie er es überhaupt bis hierher geschafft hatte.


Es ergab keinen Sinn – er stand einfach nur da und wartete, doch sein Herz raste wie verrückt. So, wie es immer war, wenn er beim Fußball alles dafür gab, den Ball in das verdammte Tor zu kicken, und lief und lief und lief. Und jetzt – obwohl er hier einfach nur stand und sich kein bisschen bewegte – war es ganz genauso. Vielleicht schlimmer. Ben war sich sicher, dass sein Brustkorb in den nächsten Sekunden platzen würde. Es ergab keinen Sinn. Er atmete tief durch. Das war er also, der Moment vor einem Date. Vor seinem ersten Date. In der Hoffnung, seinen Puls etwas beruhigen zu können, begann er ein Gespräch mit seinem 15-jährigen Ich. Auch, wenn du es wahrscheinlich nicht glaubst – ein Mädchen will sich mit mir treffen. Wird sich mit mir treffen. Heute Nacht. Sie will mich treffen. Mich. Ich weiß, du wartest verzweifelt auf diesen Moment, doch ich sage dir: Ich habe es geschafft, man. Allmählich gelang es ihm, seinen Atem wieder unter Kontrolle zu bringen. Schließlich hatte sie Ja gesagt. Und was noch viel wichtiger war: Sie ahnte nicht, dass dies für ihn die erste Verabredung seines traurigen Lebens war. Dafür hatte er gesorgt. Sie sollte denken, dass sie nur eine von vielen war. Dass er mit seinen Frauengeschichten ein ganzes Buch füllen konnte – ein Casanova vor dem Herrn. Das war besser als die bittere Wahrheit. Denn: Wer wollte schon einen Versager wie ihn daten?


Je länger er die Mondsichel anstarrte, desto schelmischer erschien ihm das Lächeln plötzlich. Aus dem Ja schien ein „du hoffnungsloser Idiot“ zu werden. Zehn Minuten waren bereits vergangen. Zehn Minuten, die sich anfühlten wie zehn Stunden. Zehn Minuten, die ausreichten, um all den Optimismus, den er sich so mühsam erkämpft hatte, verpuffen zu lassen. Warum erschien sie nicht? „Morgen, acht Uhr, unter der Kugel. Ich erwarte dich, mein Schatz“. War das vielleicht zu viel gewesen? Verdammt, es war sogar viel zu viel. Wahrscheinlich hatte er sich vollkommen lächerlich gemacht. Was war bloß in ihn gefahren, für wen hatte er sich gehalten? Trotz der klirrenden Kälte, die diesen verregneten Winterabend einzufrieren schien, begannen seine Hände zu schwitzen. Zwei weitere Minuten waren vergangen. Zwei weitere Minuten, in denen sich seine Gedanken überschlugen. Er war sich jetzt sicher. Sie hatte niemals vorgehabt, hier tatsächlich aufzutauchen. Sich auf ein Date mit ihm einzulassen. Er ärgerte sich über sich selbst. Wieso war ihm das nicht von Anfang an klar gewesen? Es war doch mehr als offensichtlich, was für eine Art Mädchen sie war. Blond, hübsch, beliebt, viel zu viele Partys. Aaron hatte Recht gehabt. Er hätte auf ihn hören sollen, von Anfang an. Schließlich war er der Experte, wenn es um Frauen ging.


Und nun war es zu spät. Ben stand hier, im Regen, an einem Donnerstagabend, und wartete auf ein Mädchen, das nicht kommen würde. Ein Mädchen, in das er sich einfach so, vollkommen aus dem Nichts – verliebt hatte. Jedenfalls glaubte er das, denn eigentlich hatte er ja gar keine Ahnung, was es hieß, verliebt zu sein. Doch dieses Mädchen hatte irgendetwas in ihm ausgelöst. Etwas, das er nicht kannte. Es fühlte sich so anders an, ein bisschen so wie die Sommerluft schmeckte, wenn die Sonne langsam unterging und man wusste, dass man nach Hause gehen musste, doch man wollte nicht, weil es so schön war. Bittersüß, und kurz davor, zu Ende zu gehen. Aber man war gefesselt – im Bann dieses seltsamen Zaubers gefangen. Hypnotisiert. Irgendetwas war mit ihren Augen. Er hatte noch nie so grüne Augen gesehen.


Die nächsten vier Minuten: Um.


Das reichte. Er würde sich nicht länger zum Affen machen. Er hätte auf Aaron hören sollen, dieses Mädchen würde nur mit ihm spielen. Er vergrub die Hände in den Taschen seiner schwarzen Jacke, zog die Kapuze über den Kopf, und verschwand erneut im strömenden Regen. Er hatte gerade die große Straße vor dem Bahnhof überquert, als das Handy in seiner Hosentasche vibrierte. Eine SMS. Von ihr. Drei Worte.


„Wo bist du?“



*


Kreativität entsteht durch Grenzen“, erklärte Prof. Dr. Schulte auf dem kleinen Podest des altmodischen Hörsaals. Ja, das ergab irgendwie Sinn, fand sie. Wenn man einem Schriftsteller sagte, er könne über jedes Thema schreiben, das er wollte, so bekäme er es wahrscheinlich mit der berühmten Schreibblockade zu tun. Jedenfalls dann, wenn ihm nicht von allein eine Geschichte vorschwebte; ein besonderer Charakter, dessen Leben sich als schreibenswert erwies und der – wie auch immer, es war im Prinzip egal. Es gab weitaus wichtigere Dinge, über die sich jetzt Gedanken machen sollte. Enila setzte die Kappe auf ihren Stift und legte ihn auf das Papier.


Verrückt. Vollkommen verrückt. Sie musste verrückt geworden sein. Sie klappe ihr Handy auf und las die SMS zum elften Mal. „Morgen, acht Uhr, unter der Kugel. Ich erwarte dich, mein Schatz“. Sehr seltsam, diese Wortwahl. Mein Schatz; warum hatte er seine Nachricht derartig befremdlich vertraut formuliert? Immerhin kannten sie sich eigentlich gar nicht; hatten höchstens zwei, maximal drei Gespräche miteinander geführt. Da nannte man jemanden nicht seinen Schatz. Entweder war er ein Spinner, oder genau das war seine Masche – Verwirrung stiften. Sie musste unwillkürlich lächeln. Verwirrung war ein sehr passendes Wort für das, was sie in den letzten zwei Wochen gefühlt hatte. Dieser Typ war seltsam. Sie konnte nicht sagen, was genau es war, konnte es nicht greifen, doch von ihm ging eine hypnotisierende Anziehungskraft aus, die ihr völlig neu war. Obwohl er eine unbestreitbar eigenartige Art der Kommunikation pflegte – irgendwie unbeholfen und ein wenig umständlich – war er doch mindestens genauso unbestreitbar interessant. Ihn umgab eine Art traurige Tiefe, die sich in seinem Gesicht abzeichnete. In seinen blauen Augen. Enila achtete nur selten auf Augenfarben, aber sie war sich ganz sicher, noch nie derartig blaue Augen gesehen zu haben.


Und vielleicht war das hier eine dieser Begegnungen, über die man Bücher schrieb. Denn, wenn sie jegliche Hüllen realistischer Betrachtung ablegte und den Mut aufbrachte, wahrhaftig hinzufühlen, so breitete sich in ihr eine tiefe Wahrheit aus, die mit ihrem Verstand nicht in Einklang zu bringen war: Er hatte sie gesehen. Wahrhaftig erkannt. In ihre Seele geblickt. Und aus diesem Grund ergab seine Formulierung auch absolut Sinn. Sie war sogar ziemlich perfekt, denn für ihn war Enila tatsächlich so etwas wie ein Schatz. Jedenfalls redete sie sich das ein. Womöglich würde er der einzige Mensch sein, der sie jemals verstand. Doch sobald sie ihre Kleider, die Vernunft und Rationalität hießen, wieder überstreifte, war sie erschüttert über ihre lächerlichen, kindischen Gedanken. Natürlich sah dieser Mann sie nicht so. Dieser Mann kannte sie nicht. Und sie kannte ihn nicht. Das hier war verrückt. Was wollte er überhaupt von ihr? Schließlich wusste er, dass sie in einer Beziehung war. Mit einem anderen. Dass diese Beziehung für sie längst tot war, konnte er nicht wissen.


„Enila!“ Die erregte Stimme ihrer Kommilitonin riss sie abrupt aus ihren Gedanken. „Was ist denn los mit dir, warum antwortest du mir nicht?“ „Sorry, was hast du gesagt? Ich, also mir geht’s nicht gut, ich muss nach Hause, tut mir leid“, erwiderte Enila, kramte ihre Sachen zusammen und warf sie achtlos in ihre Tasche. Luise sah sie fassungslos an. Offensichtlich war sie ziemlich irritiert, denn die genervten Blicke der anderen Studenten schienen Enila nicht im Geringsten zu stören. „Liebes, ich ruf dich morgen an, schreibst du für mich mit? Ciao, ciao“. Während sie den Hörsaal verließ, klappte sie ihr Handy auf, um die SMS ein zwölftes Mal zu lesen.


„Fuck“, fluchte Enila, als sie das Gebäude der Universität verließ. Wann hatte es angefangen, derartig heftig zu regnen? Natürlich hatte sie keinen Schirm dabei. Sie hatte sowie nur selten Dinge bei sich, die sich als tatsächlich nützlich erwiesen. Dinge, die andere Menschen wie selbstverständlich immer mit sich herumtrugen. Diese perfekt organisierten Menschen, denen nie etwas dazwischenkam und in deren Leben alles immer genau nach Plan lief. Wie machten sie das nur? In Enilas Tasche fand man statt Regenschirmen, Brotdosen und Federmappen nur lauter abgerissene Notizzettel, ein paar lose Kaugummis, und natürlich: ihr Parfum. Ohne das verschnörkelte Fläschchen verließ sie niemals das Haus. Nichts war beruhigender, als an einem nervenaufreibenden Tag den Kopf in einem dicken, flauschigen Schal zu vergraben, der diesen wunderbar vertrauten Geruch trug.


Der Zug würde in 20 Minuten abfahren, und so blieb ihr nichts anderes übrig als durch den strömenden Regen bis zu der Bushaltestelle zu laufen. Am Bahnhof blieb sie einen Moment lang stehen. Was machte sie hier, an diesem Donnerstagabend, völlig durchnässt und auf dem Weg zu einem Mann, der sie nach zwei Gesprächen seinen Schatz nannte? Das war doch verrückt. Es war verrückt.


Zwei Minuten später saß sie in der alten, klapprigen Regionalbahn. Sie hatte ein ganzes Abteil für sich allein. Enila besaß kein Smartphone, auf dem sie die Bahn-App hätte checken können, und so bekam sie nicht mit, dass der Zug zwanzig Minuten Verspätung hatte. Stattdessen tat sie das, was sie am liebsten tat, und womit sie die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte: Sie begann zu träumen. Verlor sich in ihren Gedanken. Malte sich aus, wie das Treffen mit diesem sonderbaren Ben verlaufen würde. Welche Erwartungen hatte er wohl an diesen Abend? Sie rutschte auf ihrem Platz hin und her und stellte erstaunt fest, dass ihr Herz schneller schlug als sonst. Nur einen Takt, aber immerhin – einen Takt. Verdammt, reiß dich zusammen, Enila, du benimmst dich wie ein kleines Kind. Kurz bevor der Zug endlich anhielt, beobachtete sie, wie zwei Regentropfen gegen die Scheibe prasselten und anschließend ein Wettrennen veranstalteten.


Unter der Kugel war er nirgends zu sehen. Für eine Sekunde dachte sie, er hatte sie verarscht. Doch ein Blick auf die Bahnhofsuhr verriet Enila, dass sie zwanzig Minuten zu spät war. Wahrscheinlich war er einfach wieder nach Hause gefahren. Sie kramte ihr Handy aus der Tasche. Ihre Finger waren so durchgefroren von der gnadenlosen Kälte dieses Januarabends, dass sie die Worte nur mit Mühe in die Tasten tippte:


„Wo bist du?“

 
 
 

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